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Sympathischer Selbstrufmord: Martin Tietjen lässt die Hosen runter

Sympathischer Selbstrufmord: Martin Tietjen lässt die Hosen runter © S. FISCHER Verlag GmbH

Moderator Martin Tietjen begeht "Selbstrufmord" und unterhält dabei bestens mit skurrilen Erzählungen. Sein Autorendebüt inspiriert dazu, mit mehr Ehrlichkeit durchs Leben zu gehen.

Erzähl doch mal einen Schwank aus deinem Leben! Dieser Satz fällt ab und an in einer feucht-fröhlichen Runde, vielleicht auch beim 20-jährigen Klassentreffen oder gar bei einem ersten Date. Im Grunde wäre das die Gelegenheit, um sich authentisch zu präsentieren. Frei nach dem Motto: Einfach mal auspacken und dem Gegenüber zeigen, welche Ereignisse aus der Vergangenheit dich wirklich geprägt haben.

Dummerweise sind genau solche Erfahrungen aber oft mit gewissen Peinlichkeiten, Geheimnissen und intimen Details verbunden. Die meisten passen daher und lügen verlegen, ihr Leben sei so gewöhnlich – da gebe es rein gar nichts zu erzählen.

Unbekannt aus Funk und Fernsehen

Alternativ lassen sich einige zu einer unverfänglichen, aber ausschweifenden Geschichte hinreißen, die sich dann mehr um andere dreht und im schlimmsten Fall ohne Pointe auskommt. Immerhin neigen die Zuhörer danach tatsächlich dazu, die ausweichende Labertasche als Langweiler abzustempeln.

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Hätten sie mal lieber Martin Tietjen um eine kleine Anekdote gebeten. Martin Tietjen? Ist das nicht Bettina Tietjens Sohn? Nein, ist er nicht, mit der NDR-Moderatorin hat der 32-Jährige nur den Beruf und die Berufung gemein.

Unbekannt aus Funk und Fernsehen, heißt es selbstironisch auf dem Cover seines ersten Buches "Selbstrufmord – Geschichten, die man eigentlich nicht erzählen sollte". Nach diversen Moderatorenjobs bei Viva, Joiz , Sat.1 und RTL sowie kleineren Schauspielrollen dürfte vielen aber zumindest Tietjens Gesicht sehr vertraut vorkommen. Hat sich hier also einmal mehr ein D-Promi als Autor versucht, um mit skandalösen Enthüllungen in die C-Kategorie aufzusteigen?

Gnadenlos ehrliche Lektionen des Lebens

Zum Glück nicht: Mit "Selbstrufmord" liefert Tietjen vielmehr ein autobiografisches, überaus kurzweiliges Coming-of-Age-Werk ab. In diesem tischt das wortgewandte Nordlicht genau solche Anekdoten auf, die andere lieber für sich behalten. Gnadenlos ehrlich erzählt Martin von frühen Fummeleien mit einem frommen US-Austauschschüler, vom späten Coming-out, dem ersten Mal Sex im Puff und skurrilen Dates mit unschönen Folgen.

Doch es bleibt längst nicht nur bei erfrischend offenen Geständnissen unterhalb der Gürtellinie. Besonders amüsieren etwa Martins extreme Bemühungen, dem Wehrdienst zu entkommen, oder seine Streifzüge durchs schräge Hamburger Nachtleben. Die charmant-komischen Einblicke in das Familienleben der Tietjens bergen zudem großes Potenzial für eine gagreiche Sitcom. Als Protagonist dieser könnte Martin sein Talent unter Beweis stellen, sich stets zielsicher in unangenehme Situationen zu bringen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Ehrlichkeit ist das neue Sexy

Das Buch macht gerade deshalb so viel Spaß, weil sich Tietjen darin selbst nie zu ernst nimmt. Sein Mut, andere ohne Kompromisse am eigenen Scheitern, aber auch an seinen Träumen teilhaben zu lassen, ist bewundernswert und verdient größten Respekt. Nach knapp 340 Seiten und wunderbar unterhaltsamen Schwänken hat ein vielleicht (noch) nicht ganz so bekannter Moderator die Chance genutzt, sich unverblümt vorzustellen.

Der gelungene Selbstrufmord dürfte ihm viele Einladungen auf ein Bier einbringen: Schließlich wollen angefixte Leser unbedingt mehr verrückte Episoden und weitere schmutzige Details aus seinem Leben hören. Wenn der Alkoholpegel langsam steigt, finden vielleicht auch die Feiglinge unter uns den Mut, ihre Masken abzunehmen, die Hosen runter zu lassen und mit der ungeschönten Wahrheit herauszurücken.

Die Moral von der Geschicht': Ehrlichkeit ist das neue Sexy und der Schlüssel, andere und sich selbst besser kennen zu lernen. Martin Tietjen geht mit gutem Beispiel voran. Sollte er seine Ambitionen als Autor weiter verfolgen, könnte hier ein deutscher David Sedaris heranreifen. Bitte mehr davon!

Mehr Infos zum Autor: www.martintietjen.de

"Selbstrufmord – Geschichten, die man eigentlich nicht erzählen sollte" von Martin Tietjen erscheint am 23. Mai 2018 im Fischer Verlag.

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  • Rezension zu:
    Martin Tietjen: Selbstrufmord
  • Redaktionswertung:
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